Wenn das Büro zum Brutkasten wird

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Wenn das Büro zum Brutkasten wird

Autor: Bijan Peymani

Eine weitere Hitzewelle rollt über Deutschland. Und wieder schwitzen Millionen Menschen an diesen „Hundstagen“ an Firmenschreibtischen und Produktionsbändern um die Wette. Glasfassaden, große Fensterfronten und schlechte Belüftung lassen die Raumtemperatur mit steigenden Graden zunehmend unerträglich erscheinen. Mancher wird sich wehmütig an seine Schulzeit erinnern, als es dann hieß: „Ab sofort hitzefrei!“. Gilt das auch im Job?

An besonders heißen Tagen stellt sich die Frage, ab wann der Aufenthalt im Büro oder in der Werkshalle für die Beschäftigten unzumutbar wird. Eine allgemeine Antwort liefert die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) mit § 3 Abs. 1, konkretisiert im Anhang unter Punkt 3.5. Auch wenn die Regel rechtlich nicht bindend ist, sollten Arbeitgeber sie ernst nehmen.

Beschäftigte haben keinen Anspruch auf „hitzefrei“

Einen Anspruch auf „hitzefrei“ gibt es leider nicht! Beschäftigten an extrem heißen Tagen automatisch freizugeben, eine solche Regelung sieht das deutsche Arbeitsrecht nicht vor. Entsprechend haben sie auch keinen Anspruch darauf, dass der Chef sie stundenweise oder ganztägig von ihrer Verpflichtung zur Arbeitsleistung freistellt. Andererseits ist unzweifelhaft, dass körperliche Belastbarkeit, Konzentration und damit Produktivität mit steigenden Temperaturen nachlassen.

 

Arbeitgeber muss grundsätzlich Gefahren abwehren

Grundsätzlich steht der Arbeitgeber dafür ein, seine Arbeitnehmer im betrieblichen Alltag vor Gefahren für Leib und Leben zu schützen. Dies ergibt sich aus § 618 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), (Pflicht zu Schutzmaßnahmen). Die seit 2004 geltende Arbeitsstättenverordnung fordert zudem – wenn auch eher allgemein –, für gesundheitlich zuträgliche Bedingungen in den Arbeitsräumen zu sorgen. Die Raumtemperatur während der Nutzungsdauer zählt dazu.

 

Ab 26° Raumtemperatur besser Abhilfe schaffen

Welche Temperaturen noch als angemessen gelten, um eine geforderte Arbeitsleistung zufriedenstellend erbringen zu können, führt die Arbeitsstättenregel ASR A3.5 konkreter aus. Demnach sollte die Lufttemperatur in Werkshallen, Arbeits- und Sozialräumen 26° Celsius nicht übersteigen. Wie alle Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) ist diese Richtlinie aber rechtlich nicht bindend, sondern eine arbeitswissenschaftliche Empfehlung.

 

Schon einfache Maßnahmen bringen Besserung

Dennoch sollten Arbeitgeber sie ernst nehmen. Handelt es sich um gewöhnliche Büro- oder Werkräume ohne hohe Luftfeuchtigkeit, starken Luftzug oder Wärmestrahlen – hier gelten gesonderte Vorschriften –, sind Maßnahmen zur Abhilfe geboten. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass Jalousien heruntergefahren werden, Lüftungseinrichtungen für ein Auskühlen der Räume in der Nacht oder Durchlüften in den Morgenstunden sorgen

 

Ab 30° aufwärts kein Handlungsspielraum mehr

Neben solch technischen Vorrichtungen hilft häufig schon, die Bekleidungsvorschriften zu lockern, Getränke bereitzustellen und Arbeitszeiten zu verlagern. Fällt im Büro jedoch die 30°-Marke, ist ein Handeln des Arbeitgebers nicht mehr optional, sondern zwingend. Sind 35° Celsius erreicht oder überschritten, darf im jeweiligen Raum nur noch dann gearbeitet werden, wenn spezielle technische Maßnahmen wie Luftduschen installiert wurden.

 

Können Beschäftigte im Extremfall nach Hause gehen?

Unternehmen, die eine solche Ausstattung nicht vorhalten (können), kommen womöglich nicht umhin, ihre Beschäftigten an extrem heißen Tagen nach Hause zu schicken – ihnen also doch so etwas wie „hitzefrei“ zu geben. Drängen Arbeitgeber dennoch darauf, dass weitergearbeitet wird, haben Beschäftigte nach Meinung einzelner Experten theoretisch ein Zurückbehaltungsrecht ihrer Arbeitsleistung. Doch diese Einschätzung ist umstritten.

 

Kein Recht für Arbeitnehmer auf Selbstbeurlaubung

Denn das deutsche Arbeitsrecht sieht für Arbeitnehmer kein Recht zur Selbstbeurlaubung vor. Sie können bei Hitze weder eigenmächtig zu Hause bleiben noch sich im Tagesverlauf frei geben. Tun sie es doch, drohen Abmahnung oder Kündigung. Eine höchstrichterliche Klärung in dieser Frage wäre wünschenswert. Arbeitgeber, die gegen ArbStättV respektive ASR verstoßen, müssen dagegen mit einem Bußgeld von bis zu 5.000 Euro rechnen.

Bildnachweise: © iStock.com/vittaya25

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