Alternative Streitschlichtung: Das Instrumentarium nutzen

Litigation  Unternehmensjurist

Alternative Streitschlichtung: Das Instrumentarium nutzen

Autor: Henning Zander | Ausgabe: 2/19

Seit Jahren wird außergerichtlichen Streitbeilegungsverfahren eine große Zukunft vorhergesagt. Und ihre Bedeutung wächst. Doch Mediation, Schlichtung und Schiedsgerichtsbarkeit werden immer noch weit weniger genutzt, als es möglich wäre. Neue Ansätze, auch digital, geben der Bewegung neuen Schwung.

Gerichtsverfahren in Bausachen können sich extrem lange hinziehen. Bis zu zehn Jahre und manchmal noch länger. So lange auf eine Entscheidung zu warten, das bindet Zeit, Ressourcen und kostet Nerven. Martin Regnath, Prokurist und General Counsel der DEGES GmbH kritisiert die teils überlangen Verfahren. „Das ist für alle Seiten eine unbefriedigende Situation. Die hierfür eingesetzten Ressourcen könnten anders besser genutzt werden.“

Eine Lösung: ein Schieds- oder Adjudikationsverfahren, sogenannte ADR-Verfahren („Alternative Dispute Resolution“). „Der Vorteil dieser Verfahren ist vor allem eine andere Verfahrensordnung mit strafferen Fristen“, sagt Martin Regnath. „Dadurch sind die Verfahren erheblich kürzer.“

Zudem sind die Schiedsrichter Experten auf ihrem Gebiet. Bei Gericht könne es passieren, dass man auf Richter treffe, die sich eben noch mit Mietnebenkosten beschäftigt hätten – und nun über ein sehr komplexes Bauprojekt urteilen müssten. Regnaths Schlussfolgerung: „Im Vertrag muss das Thema Streitbeilegung schon mitgedacht werden.“

Wenn es schnell gehen muss…

Zusammenfassung


Alternative Streitbeilegungsformen (ADR) befinden sich im Umbruch. Mediation, Schiedsgerichte und Co. gewinnen zunehmend – allerdings auf niedrigem Niveau.

Was die Fallzahlen betrifft, bleiben sie aber weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

2017 standen 100.000 Entscheidungen in Bausachen vor Gericht gerade einmal 2000 Entscheidungen über ADR-Verfahren gegenüber.

Nur bei jeder hundertsten Beschwerde auf der ODR-Streitbeilegungsplattform der EU kommt es auch tatsächlich zu einem Verfahren.

Verschiedene Legal Technology-Unternehmen bieten neue Ansätze, Konflikte mithilfe von Algorithmen und sogar über Crowdsourcing zu bewältigen – das Ziel sind schnellere und billigere Entscheidungen.

Konfliktlösungen sollten schon im Vertrag mitgedacht werden. Ein Single Point of Truth ist hilfreich.

„Der Vorteil dieser Verfahren ist vor allem eine andere Verfahrensordnung mit strafferen Fristen.“

Martin Regnath
Prokurist und General Counsel, DEGES GmbH

Abwägung ist nötig

Gerichtsverfahren gehören für die allermeisten Unternehmensjuristen zum täglichen Brot- und Buttergeschäft. Doch immer öfter gilt es für Unternehmensjuristen, einen Konflikt nicht nur zu gewinnen, sondern vielmehr ihn zu lösen. Gerichtsverfahren können hierfür ein Weg sein. Das Instrumentarium ist aber noch deutlich breiter und reicht von Mediation bis hin zu unabhängigen Schiedsgerichten. Doch tatsächlich bleiben alternative Streitbeilegungsformen was die Fallzahlen betrifft weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Zuerst: Die Bedeutung von alternativen Streitbeilegungsformen wächst, wenn auch auf niedrigem Niveau. Dies geht aus der Studie „Konfliktmanagement in der deutschen Wirtschaft – Entwicklung eines Jahrzehnts“ des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers und der Europa-Universität Viadrina hervor. Mediation, Schlichtung, Schiedsgutachten und Schiedsverfahren werden nach Aussagen der befragten Unternehmen häufiger genutzt als noch vor zehn Jahren. Zu den Hauptgründen für das Bemühen nach einer außergerichtlichen Konfliktlösung zählt laut Studie im Wesentlichen die Philosophie des Unternehmens. Betont werden aber auch Kostenvorteile und die Vertraulichkeit für alle Seiten.

„Ein echter Meilenstein ist fraglos im deutschen Mediationsgesetz von 2012 zu sehen“, so Prof. Lars Kirchhoff von der Europa Universität Viadrina. „Die gesetzliche Kodifizierung eines bis dahin oftmals als eher weich und verschwommen wahrgenommenen Feldes hat nicht nur diesem einen Verfahren, sondern ganz generell der außergerichtlichen Streitbeilegung zu einem klarer definierten Status verholfen.“

Levien_Dan_Alexander

„In Deutschland haben wir eine gut funktionierende staatliche Gerichtsbarkeit. Für bestimmte Konstellationen ist jedoch eine Konfliktlösung über ADR-Verfahren vorzugswürdig.“

Dan-Alexander Levien
Leiter Rechtsservice, Audi Electronics Venture GmbH

„Ein echter Meilenstein ist fraglos im deutschen Mediationsgesetz von 2012 zu sehen.“

Prof. Lars Kirchhoff
Europa Universität Viadrina

Dan-Alexander Levien, Leiter Rechtsservice der Audi Electronics Venture GmbH, hat durchweg positive Erfahrungen mit alternativen Streitbeilegungsverfahren gemacht. „In Deutschland haben wir eine gut funktionierende staatliche Gerichtsbarkeit“, sagt Levien. „Für bestimmte Konstellationen ist jedoch eine Konfliktlösung über ADR-Verfahren vorzugswürdig.“ Er sieht Vorteile insbesondere in der fl exibleren Gestaltung von ADR-Verfahren gegenüber der staatlichen Gerichtsbarkeit. Dazu kämen auch mögliche Kostenvorteile, etwa durch eine mögliche beschleunigte Verfahrensdurchführung. Für jeden Fall bedürfe es aber einer individuellen Abwägung, welches Instrument konkret geeignet ist. „Eine wesentliche Stärke schiedsgerichtlicher Streitbeilegung ist für uns die Möglichkeit Schiedsrichter mit bestimmten Kompetenzen mit auszuwählen“, stellt Levien fest. Die gezielte Zusammenstellung eines Schiedsrichterteams bestehend aus den benötigten fachlichen Experten könne ein Schlüssel für die nachhaltige Streitbeilegung sein.

Mediation hingegen sei dann das Mittel der Wahl, wenn zum Beispiel eine klassische Verhandlung ins Stocken geraten sei. „Durch eine bewusste und transparente Interessenklärung unter Nutzung eines Mediators kann die Verhandlung zielgerichtet neu ausgerichtet werden.“ Levien glaubt, dass es in Deutschland auch in Zukunft ein konstruktives Nebeneinander verschiedener klassischer und alternativer Streitbeilegungsverfahren geben werde.

Jürgen Klowait war langjährig als Leiter Recht und Compliance Officer im E.ON-Konzern und arbeitet inzwischen als Interim Manager in den Bereichen Recht und Compliance. Er ist Mitherausgeber eines Handkommentars zum Mediationsgesetz und Mitgründer des Round Table Mediation & Konfliktmanagement der Deutschen Wirtschaft (RTMKM). „Der Stellenwert alternativer Streitbeilegungsverfahren ist gestiegen, aber deren Potenzial wird von vielen Rechtsabteilungen noch nicht ausreichend genutzt“, sagt Klowait. Während ADR-Verfahren, insbesondere Mediation und Adjudikation, in bestimmten Branchen wie im internationalen Anlagenbau etabliert und zumeist auch vertraglich vorgegeben seien, sei die Mehrzahl der Unternehmensjuristen immer noch auf „klassische“ Streitentscheidungsverfahren wie Gerichts- und Schiedsgerichtsverfahren fokussiert.

„Mir ging es in meiner vormaligen Funktion als Leiter Recht lange Zeit ähnlich. Ein Grund dafür ist bei Juristen sicher, dass die juristische Ausbildung nahezu ausschließlich auf das Führen streitiger Gerichtsverfahren ausgerichtet ist.“ Der Anstoß, sich daneben intensiv mit ADR-Verfahren zu beschäftigen, kam bei Klowait letztlich aus der Unternehmenspraxis – nämlich aus dem Interesse vieler Entscheidungsträger und Beteiligter, Konflikte möglichst rasch, kostengünstig und unter Wahrung bestehender Geschäfts- oder Arbeitsbeziehungen zu lösen.

Alternative Streitbeilegungsverfahren

Mediation: Mediation ist ein vertrauliches und strukturiertes Verfahren, bei dem Parteien mithilfe eines oder mehrerer Mediatoren freiwillig und eigenverantwortlich eine einvernehmliche Beilegung ihres Konflikts anstreben. (§ 1 Absatz 1 Mediationsgesetz)

Schlichtung: Der wesentliche Unterschied zwischen Schlichtungsverfahren und Mediation ist der Umstand, dass die Parteien den Schlichter meist während des Verfahrens bitten, einen unverbindlichen Einigungsvorschlag zu unterbreiten. Im Gegensatz dazu wird ein Mediator in den meisten Fällen von einem solchen Vorschlag absehen. Wie bei der Mediation sind es die Parteien, die letztendlich über eine Einigung und deren Inhalt entscheiden. (Quelle: Dispute-Resolution-Hamburg.com)

Schiedsgericht: Privates, geheim verhandelndes Organ zur Entscheidung privatrechtlicher Streitigkeiten im Schiedsgerichtsverfahren. Die Schiedsrichter können von den Streitparteien frei gewählt werden. Die Schiedsrichter müssen privat bezahlt werden. (Quelle: Gablers Wirtschaftslexikon)

EUGH schränkt Schiedsgerichtbarkeit ein

Schiedsverfahren sind nicht öffentlich. Deshalb werden vor allem Verfahren zwischen Unternehmen und Staaten kritisiert. Der Vorwurf: der Handlungsspielraum von Staaten werde dadurch stark eingeschränkt. Ohne Öffentlichkeit könnten Unternehmen Druck ausüben, etwa um eine umweltfreundlichere Energiepolitik zu verhindern. So stellten die Brüsseler Lobbybeobachter der Organisation CEO fest, dass etwa die Zahl der Schiedsverfahren auf Basis der Europäischen Energiecharta deutlich gestiegen ist. Wurden im ersten Jahrzehnt des Bestehens der Charta nur 19 Fälle bekannt, waren es zwischen 2013 und 2017 insgesamt 75 Verfahren. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im vergangenen Jahr in einer Grundsatzentscheidung festgestellt, dass Schiedsklauseln, mit denen Investoren aus EU-Mitgliedstaaten Klage gegen einen anderen EU-Mitgliedstaat erheben können, mit den Grundprinzipien des EU-Rechts unvereinbar sind (EuGH, 6.3.2018 – C-284/16).

weiterlesen

Die Autonomie des Unionsrechts dürfe nicht durch eine internationale Übereinkunft beeinträchtigt werden. Zudem unterscheide sich ein solches Schiedsverfahren von einem Handelsschiedsverfahren. „Während Letzteres nämlich auf der Parteiautonomie beruht, leitet sich Ersteres aus einem Vertrag her, in dem Mitgliedstaaten übereingekommen sind, der Zuständigkeit ihrer eigenen Gerichte und damit dem System von gerichtlichen Rechtsbehelfen(…) Rechtsstreitigkeiten zu entziehen, die die Anwendung und Auslegung des Unionsrechts betreffen können“, heißt es in dem Urteil. Doch nur ein solches Gericht sei in der Lage, die volle Wirksamkeit des Unionsrechts zu gewährleisten. (…) Das Urteil bezog sich auf ein Investitionsschutzabkommen zwischen der ehemaligen Tschechoslowakei und den Niederlanden von 1991. Fälle auf Grundlage der Energiecharta sind davon allerdings nicht betroffen: Die EU ist hier selbst Partei.

Neue Chancen für Juristen

„Und gerade hier bieten ADR-Verfahren wie die Wirtschaftsmediation in geeigneten Fällen oft erhebliche Vorteile, übrigens nicht nur bei Konflikten im B2B-Bereich, sondern auch bei der Lösung unternehmensinterner Spannungen und Differenzen.“ Klowait glaubt, dass sich die Entwicklung der letzten zehn Jahre, die zu zunehmender Bekanntheit und Akzeptanz von ADR-Verfahren geführt hat, fortsetzen wird – vermutlich langsam, aber stetig.

Auch zukünftig werde man wohl eher von Evolution als von Revolution sprechen können. Für Unternehmensjuristen – sowohl in Rechts- als auch in Personalabteilungen – biete die Kenntnis von und Offenheit für ADR-Verfahren eine große Chance sich als kompetente Konfliktmanager im umfassenden Sinne zu positionieren und, auch über gerichtliche Verfahren hinaus, qualifizierte Beratung hinsichtlich der aus Unternehmenssicht bestmöglichen Verfahrenswahl zu leisten.

Der Blick auf Konflikte ändert sich. Doch wenn es tatsächlich um die Entscheidung geht, wie ein Konflikt denn nun ausgetragen wird, sind Gerichtsverfahren immer noch die erste Wahl. Beispiel Bau: Die DGA-Bau Deutsche Gesellschaft für außergerichtliche Streitbeilegung zählt für 2017 knapp 100.000 Streiterledigungen in Bausachen vor Gericht. Diesen stehen nur knapp 2000 außergerichtliche Streitbeilegungen mithilfe Dritter in ADR-Verfahren gegenüber. Die Bedeutung dieser Verfahren ist mit Blick auf diese Zahlen nur als marginal zu bewerten.

Die DGA-Bau hat in einer Studie versucht, herauszufinden, was die Gründe für diese fehlende Akzeptanz sind. Zu den wichtigsten zählen fehlende Kenntnisse und Erfahrungen hinsichtlich ADR-Verfahren. Ein wichtiger Punkt ist aber auch, dass die Parteien sehr lange darauf vertrauen, dass sie selbst in Verhandlungen in der Lage sind die Probleme zu lösen. Die für die Studie Befragten zeigten, dass die Beteiligten oftmals die Unterstützung durch einen Dritten als überflüssig ansehen. Die Folge: Sind die Fronten erst einmal verhärtet, bleibt nur noch der Weg einer richterlichen Lösung als einziger Ausweg. Diskutiert wird deshalb, ob bei Bausachen nicht grundsätzlich im Konfliktfall das Hinzuziehen eines Schiedsgerichts schon im Vertrag vereinbart werden sollte. Martin Regnath von DEGES glaubt allerdings nicht, dass das pauschal richtig wäre.

Levien_Dan_Alexander

„Eine wesentliche Stärke schiedsgerichtlicher Streitbeilegung ist für uns die Möglichkeit, Schiedsrichter mit bestimmten Kompetenzen mit auszuwählen.“

Dan-Alexander Levien
Leiter Rechtsservice, Audi Electronics Venture GmbH

weiterlesen...

„Dafür ist es schlichtweg zu teuer.“ Die Entscheidung müsse vielmehr abhängig vom jeweiligen Vertragsgegenstand gemacht werden. „Wir selbst haben viele Großprojekte. Bei einem Projekt mit – sagen wir – einem Volumen von 500 Millionen Euro, finde ich, kann man das machen. Bei einem Volumen von 3 Millionen würde ich mich damit schon schwertun. Das ist natürlich keine starre Vorgabe. Letztlich kommt es neben der wirtschaftlichen Bedeutung auch auf die Komplexität des Vertrags an.“

Für eine Schlichtung braucht man in der Regel drei Personen. Die üblichen Stundensätze liegen zwischen 200 und 300 Euro. Meist sind die Schlichtungsmodelle so angelegt, dass die Adjudikatoren regelmäßig die Baustelle aufsuchen, um auf dem neuesten Stand zu sein. Hinzu kommen Anwaltskosten und interne Kosten. Im Schnitt ist damit ein Schiedsgerichtsverfahren gegenüber einem Gerichtsverfahren deutlich teurer. Leisten können sich das vor allem große Unternehmen.

Thorsten Vogl, Mitglied des Vorstands der SGO – Ständige Schweizerische Schiedsgerichtsorganisation Zürich, kritisiert die Entwicklung. „Schiedsverfahren werden immer teurer. Die Verfahrensordnungen der großen etablierten Institutionen sehen für KMU-typische kleine Streitwerte exorbitant hohe  Kosten und Honorare vor.“ Eine komplizierte und kostenintensive Verfahrensgestaltung – etwa mit Discovery-Regeln zur Beweiserhebung nach US-amerikanischem Vorbild – schreckt KMU im Regelfall ab. „Damit können kleinere Unternehmen meist nichts anfangen.“

Letztendlich liege der Schluss nahe, dass man mit einem Gerichtsverfahren ebenfalls gut bedient sei – jedenfalls in Staaten mit gut funktionierender Gerichtsbarkeit. Schließlich würden die Gerichte oftmals sehr gute Arbeit leisten. Natürlich sei der Instanzenzug vor Gericht für manche Unternehmen schwierig, weil der Gegner womöglich jedes erdenkliche Rechtsmittel anwende, bis der anderen Partei die Luft ausgeht. „Eine Instanz ist dann besser. Aber auch schlechter, wenn man nicht obsiegt.“

Für Thorsten Vogl gibt es verschiedene Ansätze, um Schiedsverfahren attraktiver zu machen. Vor allem günstige Preise und ein guter Service seien wichtig. „Ein riesiger Vorteil ist, dass die formalen Anforderungen an den Schiedsprozess recht offen sind. So sind zum Beispiel auch Video-Konferenzen möglich.“ Solche Möglichkeiten sollten aber auch genutzt werden, denn das könne auch die Kosten und die Verfahrensdauer deutlich senken.

Konflikte klären ohne Richter – das weckt auch die Phantasien der Legal Technology-Branche. Wäre es nicht möglich, hier Algorithmen als Schiedsrichter einzusetzen, die kostengünstig im Sinne der Streitenden entscheiden? Oder wenn es nicht Schlichter aus Bits und Byte sein sollen, dann doch zumindest ein Verfahren, dass die Weisheit der Massen einbezieht – die Crowd. Hierfür gibt es schließlich genügend Vorbilder: Sei es im Crowdsourcing von Dienstleistungen, oder im Crowdfunding von Investments. Warum nicht den Schwarm entscheiden lassen?

Legal Technology-Modelle helfen

Tatsächlich probieren sich immer wieder Start-ups und Legal Technology-Firmen daran, hier Lösungen zu finden. Zu den erfolgreichsten Plattformen zählt Modria. Der Dienst wurde einst von ebay entwickelt, um der wachsenden Menge an Streitigkeiten zwischen Käufern und Verkäufern auf dem Online-Marktplatz Herr zu werden. Hierfür wertet ein Programm die Ergebnisse von Millionen erfolgreicher Schlichtungen aus und macht auf dieser Grundlage einen Vorschlag, wie die Parteien mit dem Konflikt umgehen können. Die Erfolgsquote liegt nach eigenen Angaben bei über 80 Prozent. ebay hat Modria inzwischen als eigenes Unternehmen ausgelagert. Seit 2017 gehört Modria zum IT Konzern Tyler Technologies, Inc. Die Software wird inzwischen auch von einigen US-Behörden genutzt.

Einen anderen Weg schlägt aktuell das Start-up Kleros ein. Das junge Unternehmen, das zum Legal- und Fin Tech-Inkubator von Thomson Reuter in Zug in der Schweiz gehört, hat sich gleich mehrere Probleme auf einmal vorgenommen: Wie kann ein Konflikt zwischen zwei streitenden Parteien gelöst werden, die in unterschiedlichen Ländern, wenn nicht gar Kontinenten ihren Sitz haben? Wie kann hierfür die sogenannte Weisheit der Massen genutzt werden? Welchen Nutzen haben freiwillige Schlichter darin, ihre Zeit und Arbeit in eine Schlichtung zu investieren? Wie kann das Ganze auch noch bei kleineren Streitsummen wirtschaftlich sein?

Kleros nutzt hierfür insbesondere Blockchain-Technologie und Smart-Contracts. Schließen zwei Parteien über Kleros einen Vertrag über eine bestimmte Leistung ab, wird der vereinbarte Betrag geblockt. Die Auszahlung erfolgt erst dann, wenn der Auftraggeber online markiert, dass die Leistung zufriedenstellend erbracht wurde. Ist er hingegen unzufrieden, legt er einen Streit an. Die Auszahlung ist dann vom Votum mehrerer Schiedsrichter abhängig, die per Zufall aus einem Pool ausgewählt werden und unabhängig und ohne Wissen voneinander abstimmen. Über verschiedene Sicherheitsmechanismen soll gewährleistet werden, dass Juroren zu einer fundierten Entscheidung kommen.

„Bestehende Rechtssysteme sind zu langsam und teuer. Insbesondere für die Bearbeitung kleinerer Ansprüche über Ländergrenzen hinweg“, sagt Federico Ast, Gründer und CEO von Kleros. Der Dienst will hier ansetzen – und billiger und günstiger sein. Aber ist die Verbindung von Schiedsgericht und Blockchain tatsächlich nutzerfreundlich? Federico Ast antwortet selbstbewusst: „Früher dachten die Leute auch, dass das Versenden von E-Mails komplizierter sei als die traditionelle Post.“ Gerade für Verbraucher kann es eine enorme Erleichterung sein, alternative Streitbeilegungsformen zu nutzen. Wer möchte schon für ein paar Euro klagen? Aber auch für Unternehmen lohnt es sich, schließlich ist ein wichtiges Ziel der Verfahren, weiterhin wenn möglich eine gute Geschäftsbeziehung miteinander zu pflegen. Die Europäische Union (EU) hat dies mit der ODR-Verordnung (Online Dispute Resolution) gefördert. Seit 2016 müssen alle Online-Shops auf die ODR-Plattform der EU hinweisen und dorthin verlinken.

Knapp 60.000 Beschwerden gingen in den vergangenen zwei Jahren ein, seitdem die Plattform der EU online ist. Und nach einer Umfrage der EU waren auch 71 Prozent der Plattformnutzer mit der Plattform zufrieden. Doch: Zu einem Verfahren vor einer Streitbeilegungsstelle kam es nur in einem von hundert Fällen. Zuerst einmal reagierten nur etwa ein Drittel der Beschwerdegegner überhaupt auf die eingereichte Beschwerde. In nur 15 Prozent wurde über die Plattform interagiert. In zwei Prozent der Fälle einigte man sich auf eine der verschiedenen Streitbeilegungsstelle. Diese wiederum lehnten die Hälfte der Beschwerden ab.

Konflikte früh verhindern

Die EU sieht hier die Mitgliedsländer in der Pflicht, mehr darauf hinzuwirken, dass die Plattform auch stärker genutzt wird und ihren Sinn erfüllt. Tatsache ist aber, dass das Verfahren freiwillig ist und viele Händler in diesem Verfahren keinen echten Nutzen sehen. Hinzu kommt, dass die Streitbeilegung im zweiten Schritt wieder ganz klassisch abläuft, nämlich über einen Schlichter, der letztendlich mit den Parteien zu einer Lösung kommen muss.

Für Martin Regnath von der DEGES ist klar, dass viele Probleme schon durch eine gute Vertragsgestaltung vermieden werden können. Bevor bei einem Konflikt ein Externer angerufen werde, müssten bestimmte Eskalationsstufen definiert sein. „Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, Konflikte von der operativen Ebene auf die strategische Ebene eskalieren zu lassen“, sagt es Regnath. „Um es einfach zu sagen: Bevor sich die Leute auf der Baustelle nur noch anschreien, muss das Management hinzugezogen werden.“

Viele Konflikte könnten aber auch schon beim Vertragsabschluss verhindert werden. Martin Regnath findet hierbei drei Punkte wichtig: Erstens müssten beide Vertragsparteien klar ihre Rechte und Pflichten aus dem Vertrag entnehmen können. „Das hört sich lapidar an, aber inzwischen gibt es die Unsitte, jedes erdenkliche Detail regeln zu wollen“, sagt Regnath. „Früher kamen selbst M&A-Verträge mit wenigen Seiten aus. Heute ist man mit 150 Seiten schon gut bedient.“ Zweitens müssen beide Vertragsparteien die Vertragsinhalte akzeptieren können. Niemand sollte schon von Anfang an das Gefühl haben, mit dem Vertrag schlecht dazustehen.

Und drittens sei eine einheitliche Datengrundlage erforderlich. „Bei gerichtlichen Verfahren liegt ein Großteil des Aufwands in der Ermittlung des Sachverhalts“, sagt Martin Regnath. „Manchmal hat man den Eindruck, wenn man den Schilderungen der Kläger und des Beklagten folgt, dass sich beide auf unterschiedlichen Baustellen befunden haben.“ Mit einem Single Point of Truth, also einer gemeinsamen Datenbasis, könne dies verhindert werden.

Zumindest sind sich die Parteien dann schon mal einig darin, worüber eigentlich gestritten wird. Und das ist dann auch ein erster Schritt, den Konflikt tatsächlich zu lösen.

„Der Stellenwert alternativer Streitbeilegungsverfahren ist gestiegen, aber deren Potenzial wird von vielen Rechtsabteilungen noch nicht ausreichend genutzt.“

Jürgen Klowait
Interim Manager für Recht und Compliance, E.ON

„Ein riesiger Vorteil ist, dass die formalen Anforderungen an den Schiedsprozess recht offen sind. So sind zum Beispiel auch Video-Konferenzen möglich.“

Thorsten Vogl
Mitglied des Vorstands der SGO (Ständige Schweizerische Schiedsgerichtsorganisation)

„Bestehende Rechtssysteme sind zu langsam und teuer. Insbesondere für die Bearbeitung kleinerer Ansprüche über Ländergrenzen hinweg.“

Federico Ast
Gründer und CEO, Kleros

Bildnachweise: © iStock.com/alashi